WiyanawandaDatum: 02. 08. 2008Gourmet Report Archiv
Das Weinland an der Ägäis - Türkei erlebt Renaissance der Weinkultur - Boom bei Qualität und Menge
Dimrit, Sergikarasi oder Narine - so schillernde Namen tragen einige der ergiebigsten Rebsorten, die heute in der Türkei angebaut werden. Das Land am Bosporus kann auf eine Jahrtausende alte Weintradition zurückblicken und feiert jetzt die Renaissance seiner landeseigenen Weinkultur. In den Regionen Thrakien, Marmaris, in der Ägäis und in Kappadokien liegen Weinanbaugebiete, die seit dem Altertum kultiviert werden und qualitativ hochwertigen Rebensaft liefern. Zwar könnten die klimatischen Bedingungen von der Ägäis bis zum Mittelmeer nicht unterschiedlicher sein, doch gerade durch diese geografische Vielfalt ergibt sich erst das große Spektrum an Möglichkeiten für den Ausbau und die Sortenvielfalt türkischer Weine. Mit Anbauflächen von ca. 570.000 ha (vgl. Österreich 48.000 ha, Italien 849.000 ha, Frankreich 889.000 ha und Spanien 1,2 Mio. ha) schlummert in der Türkei ein enormes Potenzial. Dennoch ist das Land eher für seine Tafeltrauben und die Herstellung von Rosinen bekannt, die rund 95% der Traubenproduktion verschlingen. Nur ein kleiner Teil geht in die Alkoholerzeugung. Und davon rund 25 Prozent in die Destillation von klarem Branntwein, bekannt unter dem Namen "Raki", der als touristisches Lieblingsgetränk und populäres (alkoholisches) Getränk der türkischen Bevölkerung gilt. Qualitätswein bereits in der Antike Wie Ausgrabungen belegen, wurden bereits 3.000 Jahre v.Chr. in Kleinasien Weinreben ausgesetzt. Unter der Herrschaft der Hethiter erlebte der Weinbau zwischen 1.650 und 1.200 v.Chr. seine Blütezeit. Besonders anatolischer Wein galt als qualitativ hochwertig und wurde in der Antike zu hohen Preisen gehandelt. So entstand auch der Name, der das Land damals prägte: "Wiyanawanda - Land des Weins". In den darauf folgenden Jahrhunderten, vor allem in der Osmanischen Zeit, wurde die Weinproduktion jedoch eingeschränkt. Allein den nichtmuslimischen Minderheiten, insbesondere Armeniern und Griechen sowie Juden, war die Erzeugung und der Konsum von Wein erlaubt. Abseits dieser Ausnahmeregelung untersagten die herrschenden Sultane die "unkontrollierte" Weinherstellung. Erst mit der Gründung der Türkischen Republik durch Kemal Atatürk im Jahr 1923 wurden diese Beschränkungen wieder aufgehoben. Atatürk selbst war als Weinliebhaber bekannt und förderte die Gründung privater Weingüter. Den nächsten Aufschwung erlebte die türkische Weinwirtschaft erst wieder zwischen 1970 bis 1980. Zumeist waren es Weinliebhaber und Touristen, die den Konsum ankurbelten. Eine Orientierung hin zu mehr Qualität und Menge fand dann ab Mitte der 1980er Jahre statt. Über Europa nach Anatolien Der europäische Teil der Türkei (Marmara und Thrakien) ist mit einem Anteil von 40 Prozent das wichtigste Weinbaugebiet. Mit wenigen Ausnahmen, wie den französischen Rebsorten Pinot Noir, Sémillon, aber auch dem deutschen Riesling, stützt sich sowohl die Produktion der Rotweine als auch der Weißweine ausschließlich auf heimische Sorten. Am Schwarzen Meer, das als ursprüngliche Heimat des türkischen Weins gilt, liegen nur kleinere Anbaugebiete. Hier werden vorwiegend heimische Rebsorten wie Dimrit, Sergikarasi (rot) und Narine (weiß) gekeltert. Die Rebsortenvielfalt der Türkei ist einzigartig, aber die populärsten Weißweine entstehen aus den Sorten Hasandede, Narince und Emir. Die bekanntesten einheimischen Traubensorten, Bogazkere und Öküzgözü, findet man in Zentral- und Ostanatolien. Die meisten Weine zeichnen sich durch ihren eigenständigen Charakter aus. Fruchtbarer Boden Besonders in der Region Kappadokien rund um den Ort Ürgüp wird viel Weinbau betrieben. Der vulkanische Boden und das kontinentale Klima Zentralanatoliens - mit heißen Sommern und trockenen Wintern - liefern ideale Bedingungen für das Wachstum der Reben und sorgen dafür, dass hervorragende Rot- und Weißweine gekeltert werden. Der Großteil der Ernte wird zwar in modernen Anlagen weiterverarbeitet, manchmal findet man aber noch einheimische Familien, die selbst Wein anbauen und ihre Trauben noch auf traditionellem Weg verarbeiten (mit eigenen Weinpressen). Die heute wichtigsten Weinbaugebiete liegen in der Ägäisregion und direkt an der Ägäisküste. In diesen Gebieten, die mehr Feuchtigkeit aufweisen als das trockene Landesinnere, werden knapp zwei Drittel der türkischen Weine produziert. Als rote Rebsorten werden Calkarasi und internationale Sorten wie Grenache, Carignan sowie in zunehmendem Maße Merlot und Cabernet Sauvignon eingesetzt. Der "Westen" als Vorbild Der Wein als Genussmittel hat in den vergangenen Jahren in der Türkei eine wahre Renaissance erlebt. Allerdings liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Wein bei den Türken weit unter dem europäischen Schnitt: 0,3 Liter pro Jahr (vgl. Österreich: 30 l/Jahr). Wichtige Impulse liefern die Großkellereien, die auf Qualität setzen. Durch den Erfolg dieser Güter angetrieben, entstehen kleinere Weingüter, die in ihrem Erscheinungsbild sehr den klassischen französischen Châteaux ähneln.
Wein hat in der Türkei durchaus seinen Preis: eine Flasche Wein im
"mittleren Qualitätssegment" kostet umgerechnet sechs Euro. Zukunftsvisionen
Obwohl die Fortschritte beachtlich sind, ist der ganz große Durchbruch
im Weinbau bis jetzt noch nicht gelungen. Trotzdem haben die türkischen
Weine aufgrund ihrer langen Tradition und dem Qualitätsbewusstsein der
Winzer eine große Zukunft vor sich. Zu den besten Weinen des Landes
zählen unter anderem Villa Doluca Antik und Kavaklidere Özel Reserve.
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